Museum Giuliano Ghelli In San Casciano Val Di Pesa

Das Museum von San Casciano wurde 1989 in der Kirche Santa Maria del Gesù bzw. del Suffragio und in den angrenzenden Räumlichkeiten eingerichtet. Im Jahr 2008 wurden neue Räumlichkeiten gewonnen aus Verwaltungsbüros und dem alten Konvent der Benediktinernonnen, die dort vom 17 bis 19. Jh. lebten. Die noch verwendete Kirche ist Teil des Museumsrundgangs. Die Sammlung von religiösen Kunstwerken im Erdgeschoss ergänzte man durch eine archäologische Sektion und die Abteilung der primitiven Behausungen im zweiten Obergeschoss.
Die Suffragio-Kirche wurde im 15. Jh. als Hospital der franziskanischen Wandermönche gegründet, verdankt ihren Namen aber der Präsenz einer Laienbruderschaft, die sich seit dem Beginn des 19. Jhs. dort zum Gebet versammelte und sich der Pflege Bedürftiger widmete. Die Altäre haben die Ausstattung aus dem 17. Jh. bewahrt (eine Kreuzigung und eine Kopie der Pala Pucci von Pontormo), welche man vor der Zerstörung des Gebäudes infolge der Bombardements vom Juli 1944 retten konnte. Die Wiederrichtung erfolgte ein Jahrzehnt später. Auch der Raum, den man aus der Kapelle gewann, die sich gegenüber des Nonnenchors befindet, besitzt noch einen Altar aus pietra serena mit einer großen Tafel des Martyriums der Heiligen Lucia vom Ende des 17. Jhs., Giovan Camillo Ciabilli zugeschrieben.Die Sektion der sakralen Kunst setzt sich zusammen aus Werken, die aus den Kirchen der Kommune von San Casciano stammen. Die Entscheidung, diese Gegenstände aus ihren ursprünglichen, meist nicht mehr benutzten Kirchen zu entfernen, wurde getroffen, um sie vor Diebstahl und der Zuspitzung des schlechten Erhaltungszustands zu schützen, der durch mangelnde Kontrolle der Umweltfaktoren ausgelöst wurde; in einer ständig überwachten Struktur kann dagegen die Erhaltung der Werke gewährleistet werden. Die Sammlung umfasst Gemälde, Skulpturen, Goldschmiedekunst und liturgische Objekte, Kirchengewänder und bekleidete Madonnenfigürchen, die in einem Zeitraum realisiert wurden, der vom 13. bis zum 20. Jh. reicht.Das älteste Objekt des Museums ist ein Säulenschaft mit vier Reliefdarstellung der Geburt Christi, hergestellt vom so genannten Meister von Cabestany, ein Bildhauer, der um die Mitte des 13. Jhs. in Nordspanien, Südfrankreich und der Toskana tätig war. Der Säulenschaft stammt aus der alten Pfarrkirche von San Giovanni in Sugana, wo er im 19. Jh. als Weihwasserbecken benutzt wurde. Man hat vermutet, dass der Schaft aus der Abtei Sant’Antimo bei Montalcino (Provinz Siena) herrührt, wo heute noch ein Kapitell des gleichen Künstlers existiert.Kurze Zeit später entstand die wertvolle Tafel mit dem Erzengel Michael, die Coppo di Marcovaldo zugeschrieben wird, eines der wichtigsten Zeugnisse der Florentiner Malerei vor Cimabue. Das aus Sant’Angelo in Vico l’Abate stammende Werk erzählt in sechs Szenen Episoden der Michaelslegende, darunter der Höllensturz der gefallenen Engel und Michaels Erscheinung in Gestalt eines Stieres auf dem Berg Gargano. Der Verlust der feinen Silberfolie hat dazu geführt, dass der Hintergrund der Tafel sich heute sehr dunkel zeigt.Aus der selben Kirche Sant’Angelo gelangte das zweite Hauptwerk des Museums in die Sammlung, die herrliche Madonna mit dem Kind von Ambrogio Lorenzetti. In der Widmungsinschrift unten erkennt man das Datum 1319, welches das Werk zum ältesten bekannten Gemälde des Sieneser Malers macht, der in der Werkstatt seines Bruders Pietro ausgebildet wurde und einige Zeit in Florenz verbrachte, wo er Gelegenheit hatte, die innovative Kunst der Künstler Giotto und Arnolfo di Cambio zu studieren. Das Vorhandensein von zwei Meisterwerken in einer kleinen Kirche des Florentiner Umlandes lässt sich durch das Patronat der mächtigen Abtei in Passignano bei Tavarnelle erklären.Das Museum besitzt weitere Madonnen mit dem Kind aus dem 14. Jh.: Erwähnenswert sind darunter vor allem die Tafel von Lippo di Benivieni, die sich vermutlich am ursprünglichen Aufstellungsort, der Suffragio-Kirche erhalten hat; eine Madonna des Meisters des Horne-Triptychons aus San Colombano in Bibbione; das Exemplar von Cenni di Francesco aus San Martino in Argiano und eine Madonna des Meisters von Sant’Jacopo in Mucciana, Mitteltafel eines Triptychons der gleichnamigen Kirche.Eine beachtliche Werkgruppe stammt aus San Giovanni in Sugana. Im Einzelnen gehören dazu die Kreuzigung (Mitte des 14. Jhs.) des Meisters von San Lucchese und die Marienkrönung des Neri di Bicci von 1476-1481. Aus der alten Pfarrkirche kommt neben der Skulptur des Meisters von Cabestany eine Tafel des Meisters von Tavarnelle mit den Heiligen Antonius (Abt), Sebastian und Rochus, auf der im Hintergrund die Landschaft von Cerbaia dargestellt ist.Eine der jüngsten Erwerbungen des Museums ist das große Terrakotta-Altarstück vom Beginn des 16. Jhs. aus der Werkstatt des Benedetto Buglioni mit der Himmelfahrt Mariens mit Engeln. Das Werk hat seinen Ursprung in Santa Maria in Casavecchia, wie die Wappen der Familie Da Casavecchia mit drei goldenen Lilien auf blauem Grund zu Seiten des Sockels mit Szenen der Taufe Christi und des Martyriums des Heiligen Laurentius zeigen. Aus der selben Kirche hatte man zuvor bereits das Pier Dandini zugeschriebene Gemälde mit einem Wunder des Heiligen Nikolaus von Bari vom Ende des 17. Jh. entnommen.Die Sammlungen der Kirchengewänder, Reliquiare und liturgischen Objekte sind sehr reichhaltig und beinhalten Artefakte, die ab dem 16. Jh. hergestellt wurden. Ein besonderer Teil der Sammlung ist den eingekleideten Madonnenfiguren gewidmet, die im Zuge eines speziellen Kultes ab dem 17. Jh. entstanden: Es handelt sich um aus Holz oder Stroh geformte Puppen oder wächserne Statuen, die man mit aus kostbaren Stoffen hergestellter Kleidung ausstaffierte und die oftmals Schenkungen frommer Edelfrauen waren.
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„... Hütten und aus Baumstämmen und Ästen zusammengesetzte Unterschlüpfe waren der erste Ausdruck von Kunst ... von dieser Art sind mehr als zwei Drittel der Behausungen unserer Erde, errichtet von denjenigen, die wir mit ungerechter Geringschätzung Wilde nennen. Und in den kultiviertesten Gebieten Europas, wie gestaltet sich dort die Architektur der Unterkünfte unserer bewunderungswürdigen ländlichen Bevölkerung, die von uns vielfach verunglimpft und beleidigt wird? Aus den Höhlen und Kavernen ist doch unsere bürgerliche Architektur erwachsen, aus den Hütten hat sie sich erhoben und ist allmählich zum Tempel der Diana von Ephesos, zum Vatikan gelangt. Welch gemeiner Ursprung! Doch welcher Ursprung mag schon edel sein?‟In diesem Abschnitt aus den “Grundsätzen der bürgerlichen Baukunst” des Francesco Milizia (1785) ist der Grundgedanke der dritten Sektion des Museums von San Casciano enthalten, die der primitiven Architektur gewidmet ist; ironisch könnte man diese auch „Architektur vor den Architekten“ nennen.In einem Museum, das sich der Kunst verschreibt, darf die Architektur nicht fehlen, auch wenn wie in diesem Fall außerhalb der klassischen Schemata der Kunstgeschichte. Es handelt sich hier um globale Architektur, die nicht im Zusammenhang mit historischen Epochen steht, sondern von der Entwicklung der Umwelt und den Kulturen bestimmt ist, die sie hervorgebracht haben. Die Sammlung setzt sich zusammen aus maßstabsgetreuen Reproduktionen von „primitiven“ Behausungen, die zum Großteil noch heute oder bis in jüngste Zeit in verschiedenen Regionen weltweit zu finden sind oder waren, und hat zum Ziel die Evolutionsgeschichte der Wohnmodelle seit der Frühzeit der Menschheit nachzuvollziehen.Gegenstand dieser Museumssektion ist folglich die menschliche Behausung, die in ihren charakterbildenden Momenten betrachtet und hinsichtlich derjenigen Mechanismen untersucht wird, die sie von den ersten archetypischen Formen bis hin zu einer Differenzierung in vielfältige Typologien hat reifen lassen durch mühsame Prozesse der kulturellen Perfektionierung und der Anpassung an die Umwelt. Hier findet man das charakteristischste Produkt der materiellen und geistigen Welt des Menschen.Die Sammlung teilt sich in drei thematische Sektionen: Hütten, Zelte und Häuser. Für jede dieser Wohntypologien werden zahlreiche Modelle präsentiert, die aus originalen Materialien gefertigt sind und von vorbereitenden technischen Zeichnungen sowie einem reichen Apparat an fotografischer Dokumentation, der die realen Exempel abbildet, ergänzt wird. Die Sektion der Hütten ist konzentriert auf afrikanische, süd- und nordamerikanische sowie Beispiele des Nahen Ostens mit einem Exkurs zu den Behausungen der Eskimos. Die Beduinenzelte bilden den Kern der zweiten Sektion. Abschließend werden verschiedene Formen von Häusern gezeigt, von hölzernen Beispielen der Alpenregion, über italienische aus Stein (beispielsweise die Trulli), oder afrikanische, aus Lehmziegeln errichtete Häuser bis hin zu den Pfahlbauten Malaysias und Neu Guineas.Das Ausstellungsmaterial verdankt sich den Recherchen, die während der 1980er Jahre an der Fakultät für Architektur der Universität von Florenz unternommen wurden und deren Ergebnisse seinerzeit in zwei Wanderausstellungen zu sehen waren: Zu den Anfängen des Wohnens und Die Gründe des Wohnens (1986, 1987-88), unterstützt durch das Nationalmuseum für Anthropologie von Florenz.

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